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I. Die Urgemeinde. Das Judenchristentum.

1. Jesus und die Zwölf, die Apostel und die übrigen Schüler.

1. Jesus hat, nachdem er zuerst vier Schüler gewonnen hatte (unter denen drei dauernd hervortreten), einen weiteren und einen engeren Kreis von Anhängern um sich gesammelt: „Die Schüler” und „die zwölf Schüler” (oder „die Zwölf”). Die Zwölf haben, wie schon die Zahl beweist, messianische Bedeutung; sie sind in Hinblick auf das, was kommen soll, ausgewählt. Jesus hat sie (vielleicht auch andere? die „Siebzig”?) schon bei Lebzeiten einmal ausgesandt, um zu predigen und zu heilen (doch wird das von einigen Kritikern bestritten). Aber den Namen „Apostel” haben sie vielleicht noch nicht von dieser Aussendung erhalten, vielmehr wußten sie sich selbst erst als Apostel und wurden als solche anerkannt, nachdem sie (zuerst Petrus) den Lehrer und Gottessohn als himmlischen Herrn gesehen hatten und von ihm durch den hl. Geist die Anweisung empfangen zu haben sich bewußt wurden, das Wort von ihm zu verkündigen. Neben ihnen empfingen aber auch noch andere Schüler eine solche Anweisung. Es gab also, seitdem sich die durch die Passion zerstreuten Anhänger Jesu wieder in Jerusalem gesammelt hatten, (1) „die Zwölf” — „die Elf”, die sich durch eine Zuwahl ergänzten (AG 1, 15f.) —, die als der Stamm der Anhängerschaft galten und, da sie von Jesus selbst als zukünftige Regierer im Messiasreich eingesetzt waren

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(Quelle Q: Mt 19, 28; Lc 22, 28. 30), auch schon jetzt als Regenten der Gemeinde, bez. als die Leiter der „Theokratie” (unter der Führung des Petrus1) betrachtet wurden, (2) die „Apostel”, d.h. die Missionare, zu denen auch die Zwölfe gehörten — erst allmählich (die Betrachtung des Paulus ist hier wahrscheinlich von bedeutendem Einfluß gewesen) entwickelte sich der Begriff der „zwölf Apostel” und tilgte im Laufe des 2. Jahrhunderts das Gedächtnis an eine größere Anzahl von Aposteln fast ganz aus, (3) die übrigen d.h. die „Schüler” und „Schülerinnen” (AG 9, 36; Ev. Petri 50),


1) Protestantische Exegeten und Historiker sind geneigt, die Stellung des Petrus unter den Aposteln und in der Urgemeinde zu unterschätzen. Schon z.Z. Jesu stand er als Sprecher und Primus an der Spitze (die messianische Gedankenreihe läßt einen Primus unter den Zwölfen nicht zu; also muß der Vorrang des Petrus in persönlichen Qualitäten und in der Anerkennung derselben durch Jesus ihren Grund haben). Daß er den Auferstandenen zuerst geschaut hat, sichert und befestigte diese Stellung, die durch die des Jakobus wohl bedroht, aber für die Heidenchristenheit nicht geändert wurde. Hat man in dem palästinensischen Kreise, aus dem das Matthäus-Ev. hervorgegangen ist, erzählt, Jesus habe seine Kirche auf ihm zu erbauen ausdrücklich erklärt, und wurde ähnlich im „johanneischen” Kreise erzählt, der Auferstandene habe ihm die Leitung seiner Herde anvertraut, so wäre es eine üble Abschwächung, wollte man leugnen, daß diejenigen, welche so berichteten, an einen förmlichen Seelsorgeprimat des Petrus gedacht haben. Freilich lebte er nicht mehr, als sie dies von ihm aussagten, und die paulinischen Briefe und andere Quellen wissen von solch einem Seelsorgeprimat nichts, so hoch auch sie das Ansehen des Petrus und seine Tätigkeit werten. Der Gedanke aber, daß die Funktion und das Ansehen des Petrus auf einen Zweiten und Dritten übergehen könne oder gar müsse, ist im apostolischen und nachapostolischen Zeitalter, soviel wir wissen, Niemandem gekommen; aber auch im 2. Jahrhundert fehlt noch jede Spur einer solchen Vorstellung. Der faktische charismatische Primat des Petrus ist etwas, was man nur für übertragbar ansehen kann, wenn man zugunsten des Petrus die Grundverhältnisse und Prinzipien der werdenden Kirche durchbricht und eine ganz fremde Betrachtung einmischt.

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vorherrschend Galiläer, unter denen man bald „alte Schüler” besonders hervorhob (AG 21, 16), und aus deren Mitte von Anfang an oder doch sehr bald die Brüder Jesu — an ihrer Spitze Jakobus — hervorragten (AG 1, 14). Die Zwölfe waren also Regierer (messianisch) und Missionare zugleich, aber den Messiasgläubigen gegenüber sollten sie nicht die Autorität von Lehrern geltend machen; denn nur einer ist Lehrer (Mt 23, 8).


Harnack, A. (1910)