|27|
Die dualistische Anthropologie1 Luthers ist theologische Anthropologie. Sie umfaßt das Verständnis von Urständ, Erbsünde, Erlösung und Heiligung2.
Aber alle theologischen Aussagen über den Stand des Menschen vor Gott sind zugleich Rechtsaussagen, wie Heckel zeigt. Umgekehrt verspricht die rechtliche Betrachtungsweise tiefere Einsichten in die theologische Anthropologie.
Die Grundthese lautet: Christus hat die geistlich verdorbene Natur des Menschen wiederhergestellt3.
Der Urstand ist das geistliche Rechtsverhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf4. Das ist die rechtliche Seite. Die anthropologische wird durch den Naturbegriff umschrieben.
Zunächst: Was für eine Natur ist das?
Weil Luther davon ausgeht, daß der Mensch durch die Gottesbeziehung erst zum Menschen wird5, ist ihm die Urstandsnatur natura und gratia in einem. Sie ist der Mensch, wie ihn Gott geschaffen hat: in
1) Lex 31; Gru. LWB 33 f., bes. A. 158.
2) Lex 31, 117 ff. zur Lex Christi, WS 81 — Heiligung
ist nicht die objektive Heiligkeit durch Gott, sondern die
subjektive Heiligkeit des Gerechtfertigten, wie es dem
unterschiedlichen katholisch-evangelischen Sprachgebrauch
entspricht (H. Küng 1957 260).
3) Das könnte so in jeder katholischen Dogmatik stehen
— und ist doch nur ein besonders deutliches Beispiel für den so
häufigen versteckten interkonfessionellen Dissens, für gleichen
Wortlaut bei verschiedenem Sinn.
4) Lex 9.
5) So Ernst Wolf in der Diskussion WS 87.
|28|
Einklang mit Gott und sich selbst, mit recta ratio und bona voluntas erga Deum und in der ganzen Ausstattung der iustitia originalis6).
Man muß sich sehr hüten, bei Luther den thomistischen, den spät-reformatorischen7 oder gar den säkularisierten modernen Naturbegriff finden zu wollen! Er knüpft vielmehr an Augustinus an8, wie die Schilderung Heckels nahelegt. Aber fast noch ärger wäre der Fehler, wenn neuzeitlicher Individualismus dazu verführte, die Aussagen Heckels auf das isolierte Individuum zu beziehen. Die natura humana ist die der ganzen Menschheit9 — sonst könnte Heckel nicht ohne Bruch von der Anthropologie auf die Reichelehre übergehen.
Aber die Urstandsnatur ist geistlich gänzlich pervertiert durch die Erbsünde. Sie ist „der geistliche Rechtsbruch κατ᾽ ἐξοχήν”. Was besagt diese rechtstheologische „Grundlehre”10 Luthers?
6) Lex 60; zu ratio und voluntas vgl. ferner
Lex 32; zur conscientia unten 10216; zum
Wandel der Synderesis-Auffassung Luthers s.u. A. 10; zum
liberum arbitrium und zur conformitas
voluntatis vgl. unten 7625 — also das ganze
scholastische Repertoire der theologischen Psychologie ist
vertreten und an die veränderte Erbsündenauffassung angepaßt. —
Ferner Lex 69; 66 mit A. 460: die iustitia originalis
ist kein donum superadditum, weil die lex
naturae zugleich lex divina ist.
7) Gleichwohl redet He. gelegentlich auch vom
„natürlichen Menschen” im Gegensatz zum homo spiritualis
(z.B. Lex 32 f., 53), oder von der „natürlichen” ratio
(z.B. Lex 69) usf.; dann ist es aber die gefallene Natur. Ob das
Luthers Terminologie entspricht, ist zweifelhaft (vgl. zum
entsprechenden Naturbegriff Pufendorfs ZRG 1959 391).
8) Nach He. gingen die Reformatoren und die
lutherische Orthodoxie mit der Scholastik von der urständlichen
Gottesebenbildlichkeit (imago Dei) aus; Pufendorf verließ diese
gemeinchristliche Basis (ZRG 1959 391 — wobei aber He. die
entscheidende Frage nach der Gnadenhaftigkeit dieser
Gottesebenbildlichkeit überspringt). — Die hier behandelten
evangelischen Juristentheologen greifen dagegen wieder auf die
alte Tradition der imago Dei zurück (He.: Lex 34, 59 A.
392, 119 A. 947 u.ö.; Wolf: 298 ff. 305 ff.; Dombois:
4747). Was He. betrifft, so legt seine Darstellung
nahe, die Urstandsnatur Luthers nicht bajanisch, sondern
augustinisch zu begreifen (vgl. unten die Rechtsauslegung der
Erbsünde), zumal Luther nicht metaphysisch, sondern
personhaft-dynamisch denkt (richtig B. Schüller 82 f.; dazu s.u.
224 ff.).
9) Zum „kosmischen” Aspekt vgl. NR 38, WO 159, WS 36
und die gesamte Reiche- und Regimentenlehre.
10) Lex 9, 55. — Luther hat auch hier eine Entwicklung
durchgemacht, die mit der traditionellen Erbsündelehre beginnt
und mit der Römerbrief Vorlesung 1515/16 im wesentlichen
abgeschlossen ist (Lex 28 f., Grat. 507 f.); bezeichnend ist der
Wandel ➝
|29|
Man muß zunächst unterscheiden: Der Mensch steht in zwei Grundbezügen, dem zu Gott und dem zur Schöpfung. Nur der Gottesbezug ist total korrumpiert11.
Die natura humana ist geistlich tot. Ihre geistliche Anlage ist völlig zerstört. Sie vermag nicht mehr das Wort Gottes zu hören; die deiformitas voluntatis geht verloren. Der Mensch wird geistlich blind. Er hat sich von Gott ab- und dem Geschöpf zugewandt. Der aversio a Deo folgte die conversio ad creaturam. Zur Strafe ist er unter die Knechtschaft des Satans geraten. Der Böse gewinnt die Oberhand. Die Gottesliebe schlägt in ihr Gegenteil um. Ein unablässiger Aufruhr gegen Gott hebt an. Fortan gilt: Naturalia erga Deum plane corrupta12.
Hier droht ein Mißverständnis. Nicht die metaphysische Wesensnatur ist zerstört! Von ihr ist (positiv und negativ) gar nicht die Rede. Denn es ist — scholastisch gesprochen13 — die natura gratia formata des Urstandes, die korrumpiert ist; ihre aktuelle Einheit von Natur und Übernatur geht verloren. Oder mit Heckel: der Mensch verliert die Gnade, der geistliche Tod tritt ein — „ein ontologischer und zugleich rechtlicher” Tatbestand14!
Was aber das Verhältnis zur Schöpfung anlangt, so kann man gerade nicht von einer totalen Korruption sprechen. Nicht nur katholische, und nicht nur Kontroversliteratur hat hier unbesehen spätere
➝ der Synderesis (zur Begriffsgeschichte vgl. E.
Klostermann, W. Steinmüller 370 ff. m. A. 83, J. Stelzenberger
HthG I 524 ff.; die Schreibweise variiert) von einer
inclinatio boni als habitus voluntatis (RuG 333
ff.) et rationis (Grat. 504 A. 71) zur schwindsüchtigen
voluntula voluntatis (RuG 336 A. 2, Lex 73 A. 511); die
synderesis theologica verschwindet durch die Sünde ganz
(Lex 32; anders Grat. 507: die Synderesis überhaupt); es bleibt
nur noch der „angeborene Rechtssinn” für das irdische Rechtsleben
(NR 47 m. A. 1, Lex 73 m. A. 511).
11) SA Grat. 498.
12) NR 38, Lex 24 A. 85, 31 f., 37, 41, 55, 72,122 f.,
130 ff., u.v.a.
13) Und damit ungenau gesprochen! Verschiedene
Denkformen lassen sich eben nicht völlig transformieren. Für
unsere Zwecke soll es jedoch damit genügen.
14) Lex 91. — Unter Vorbehalt (!) wäre also zu sagen:
die Hauptwirkung der Ursünde ist der Verlust der gratia
sanctificans.
|30|
Vereinfachungen der Lehre Luthers übernommen15. Totale Perversion — ja; aber nur im Bezug zum Schöpfer, nicht im Bezug zum Geschöpf. Die geistliche Anlage wurde zerstört, die leibliche blieb jedoch bestehen! „Leiblich” (d.h. im Verhältnis zur Schöpfung) ist der Mensch durchaus „lebendig”; naturalia sunt integra, concedo, sagt Luther 1531 in der Galatervorlesung16, und Heckel erläutert, daß die „Schöpfungskonstanten” (E. Brunner) nicht zerstört seien17. Sogar die natürliche Gotteserkenntnis geht nicht verloren; aber den wahren Gott erreicht sie nicht mehr; sie vermag deshalb für das Heil nichts beizutragen, auf das es doch Luther allein ankommt18.
Doch die perversio reicht noch viel tiefer. Weil die „geistliche” Natur zerstört ist, geht die „leibliche” in die Irre; sie hat sozusagen die Orientierung verloren und verfällt deshalb widerstandslos den Verlockungen des Teufels. Die Schöpfungskonstanten bleiben zwar bestehen, geraten aber nun in den Dienst der Sünde19. Die gefallene Menschheit hört zwar noch alles, versteht aber auch alles falsch, nämlich „fleischlich”20. Ihre heillose Verwirrung geht so weit, daß sie nur noch das leibliche Wohl (die felicitas humana) an Stelle des Seelenheils (der beatitudo
15) Auch He. spricht anfangs noch von der
„totalen Verderbtheit der menschlichen Natur” - also nicht nur
der geistlichen, sondern „Verfall . . . des ganzen inneren und
äußeren Menschen”, „und nicht einmal die Taufe kann (diesen
Fluch) tilgen” (RuG 324; doch ebd. 333 ff. bleibt die geschwächte
Synderesis. He. bemerkt den Widerspruch ebd. 337 und versucht ihn
dadurch zu lösen, daß er statt der Synderesis das Gewissen
einführt). Ähnlich auch Init. 19: das lumen naturae sei „völlig
verfinstert”, ebd. 87 die „durch die Sünde verderbte
ratio” (scil, des Christen!). Ebenso Gru. LWB 34 A. 158
„absolute Pervertierung des Menschen”; ferner H. Rommen, J.
Messner, H. Thielicke u.v.a.
16) NR 38, 46 f., Lex 32, IZ 30, SA Grat. 498; ferner
Lex 33 A. 157, Luther WA XL 1, 293, 7.
17) Lex 73 A. 512, nämlich ratio, voluntas,
synderesis, liberum arbitrium, aber — natürlich — nur
gegenüber der Schöpfung!, Lex 32 A. 153, 64, 72, 96 A. 717. Vgl.
dazu Denz. 392, 1555, 1927 (zur Deutung dieser einander
widersprechenden Stellen H. Küng 1957 176-178).
18) Lex 32 ff. m. A. 157, 72, 78 f. — Luther sieht
also die Erbsünde — wie schon die Urstandsnatur — ganz personhaft
(in ihrem [negativen] aktuellen Gottesbezug) und
„unmetaphysisch”.
19) Lex 73 A. 512 nach E. Kohlmeyer. — Wenn der Mensch
durch seine Beziehung zu Gott konstituiert ist, dann sind,
scholastisch gesprochen, insoweit Natur und Gnade enger
verbunden, als die Schule es annimmt; folglich trifft der Verlust
der Gnade die Natur tiefer. Sie kann nicht mehr anders als vom
rechten Weg abweichen! — Von da aus erklärt sich Luthers
Konkupiszenztheologie als leibliche Auswirkung der geistlichen
aberratio, unten 32 ff. m. A. 30 ff.
20) NR 47, Lex 32 f., 73 A. 512 (E. Brunner), WO
158.
|31|
aeterna) erstrebt21. Sie weiß jetzt so wenig von Gottes Evangelium „als der blinde von der färbe”; statt des gnädigen Gotteswillens wird die Ichsucht (concupiscentia) zur Triebfeder. Der voluntas, der ratio, dem liberum arbitrium teilt sich die Verwirrung mit. Selbst die religio naturalis wird pervertiert; Gott wird gar nach des Menschen Bild und Gleichnis entworfen22. Hier muß das göttliche Weltregiment eingreifen und die Menschheit vor dem Chaos retten. Aber das gehört schon zur Zweireichelehre.
Es ist schwierig, Luthers Aussagen recht zu verstehen. Er denkt ganz vom aktuellen Gottesbezug her. Über die naturalia ut naturalia will er nicht viel reden; sie liegen außerhalb seines Interesses. Auch die scheinbar so pessimistischen Worte von der Natur, die in die Irre geht, sind immer gesehen im Kontrast zum Rechtfertigungsgeschehen. Von dort her sieht, von ihm her beurteilt er alles; davon muß ausgehen, wer Luther richtig interpretieren will.
Es ist also auseinanderzuhalten: Durch die Erbsünde sind mit der Gnade nur die naturalia erga Deum gänzlich verlorengegangen, die naturalia erga creaturam nicht. (Wie sollte es auch sonst außerhalb des Christusreiches ein Recht geben können!)
Um die heillos verwirrte und korrumpierte Menschheit zu retten, schickt Gott seinen Sohn. Christus entreißt am Kreuz die menschliche Natur der Gewalt des Satans, was rechtlich heißt: Christus hat das geistliche Rechtsverhältnis des gefallenen Menschen zu Gott wiederhergestellt. Dies geschieht dadurch, daß zuerst Christus, dann die Kirche die lex Christi verkündet23. Wenn der Mensch sie im Glauben annimmt, wird er gerechtfertigt.
21) NR 47 — wobei aber die felicitas
humana nicht dem finis naturalis der katholischen
Soziallehre gleichgesetzt werden darf! — He. und Luther nennen
den gefallenen Menschen mit Augustin den homo incurvatus in
se (ZRG 1959 392), der nur noch den „extremen Egoismus”
kennt (ebd., vgl. aber unten 106 zur regula aurea).
22) Lex 25, 32 ff. m. A. 157 und 162, Padua 330, KuK
269; Luther WA XLVI 669,7. — Zur concupiscentia s.u. 32
ff., 30 ff..
23) Lex 9, 117 ff.
|32|
Nun ist zwischen status und vita des Christen zu unterscheiden, nämlich zwischen seinem Gerechtfertigtsein vor Gott und dem „Unterwegs” zur ewigen Heimat24.
Der Status des Christen ist durch zwei Momente charakterisiert: erstens die Neuschöpfung durch Christus und zweitens die Nachwirkungen der Satansherrschaft. Christus schafft ihn um zu einer neuen Kreatur, einem neuen Sein. Er wird mit Christus eins sicut sponsa(m) cum sponso, und seinem Leibe inkorporiert25. Durch diese regeneratio wird er wieder in die verlorene Unschuld und Gottesbeziehung restituiert und damit homo novus, ja filius Dei26.
Nun kann die Gnade in den Menschen einströmen. Sein geistlicher Sinn wird erneuert, die zu den Geschöpfen abgeirrte voluntas aversa kehrt zu Gott zurück, die ratio empfängt das lumen gratiae zur Erkenntnis der lex Christi, der intellectus vermag ihren geistlichen Sinn zu erschließen; der ganze innere Mensch ist wieder auf Gott ausgerichtet27.
Wenn solchergestalt das Mißverständnis der nur-forensischen Rechtfertigung abgewehrt ist, darf nun kräftig von der „imputierten” Gerechtsprechung gehandelt werden. Dabei kann sich Heckel — es sind durchwegs bekannte Dinge — kurz fassen28.
Dennoch ist die frühere Satanshörigkeit nicht ohne Folgen. Nicht nur der fomes peccati29, sondern sogar die Erbsünde selbst blieb zurück „wie
24) Die Unterscheidung christianus in statu
— in vita (Lex 122 ff., 132, IZ 11, 16) wird von He. nur für
die Lösung des Rätsels von simul peccator et iustus
gebraucht. Sie gemahnt an die paulinische Dialektik von Indikativ
und Imperativ (Rom 6), ist aber ins Rechtliche gewendet.
25) WA VII 54, 31; Christus nos . . . transmutat
in se, WA III 434, 13; dazu RuG 331, Lex 119-122; 2 Kor
5.17a neues „Sein”, Lex 122 A. 979 mit H. Iwand gegen E. Seeberg;
zum rechtstheologischen Aspekt s.u. 78 ff.
26) RuG 331, Lex 118 m. A. 946, 121; Gru. ZevKR
1957/58 282; anders noch RuG 290 mit W. Elert. Es trifft also
wenigstens auf He. nicht zu, daß seine theologische Anthropologie
den ontologischen Aspekt ausschließe (so B. Schüller 86 f. gegen
82 f.!).
27) Lex 40, 122, 127; 60 A. 400 zu Geist — Seele —
Leib.
28) Zur „imputierten” Gerechtigkeit vgl. Lex 125
(übrigens im Gefolge Occams [K.A. Meissinger 107], aber dessen
uferlose Imputationslehre einschränkend, W. Joest RGG III 695
f.).
29) Lex 24 A. 84, 123 A. 990, IZ 8. — Fomes
(Zunder, Zündstoff) ist die Neigung zur Sünde aus Sünde (Denz.
1453, 1515, nach Gen 37.8).
|33|
eine Wunde . . ., die erst im Jenseits ausheilt”30! Dabei ist aber mit Augustin unter „Erbsünde” die concupiscentia gemeint31, dieser „nachgelassene Verräter” in der eigenen Brust, nämlich die Anfälligkeit für die Sünde, die Macht des Bösen, die Schwäche zum Guten32.
Darin zeigt sich die heilsgeschichtliche Stellung des homo christianus. Er „ist” gerecht — aber diese Gerechtigkeit ist erst ein Angeld; er hat die volle Christusgemeinschaft erst am Ende. Das ist ein eschatologisches Zeichen!, denn das Reich Christi steht in seiner Fülle noch aus, ist zugleich stets im Kommen, auch für den Christen33.
30) NR 38 A. 10, Lex 24 A. 88, 123, 132; Gru.
LWB 34; noch pessimistischer: s.o. 3015. — Ob die
Erbsünde bei Luther ontologisch-seinshaft oder nur existentiell
fortdauert (so z.B. E. Schlink KuD 1957 251-306, F. Lau RGG II
1531: betrifft den Christen in concreto), das zu
erhellen „ist eine dringende Aufgabe” (A. Brandenburg 262-266),
wobei die Erkenntnis der verschiedenen konfessionellen Denkformen
„überraschende gemeinsame Aussagemöglichkeiten” (Schlink KuD 1962
226 f.; ähnlich O.H. Pesch LR 1966 402 ff.) verspricht. Als
„konkret geschichtliche” Aussage ist sie vom Tridentinum nicht
betroffen (M. Schmaus KD III/2 120). Denn „erst wenn . . . die
Gerechtigkeit dem Menschen nur als Hoffnung, nicht auch in
gegenwärtiger Wahrheit zugesprochen wird, . . . wird die Formel
für die katholische Dogmatik untragbar” (H.U. v. Balthasar 1962
378 f.). — Doch scheint die Alternative „ontologisch” oder
„existentiell” neben der Intention Luthers zu liegen, wenn man
das mittelalterlich-personhafte Denken Luthers berücksichtigt
(dazu 224 ff.). Aber klebt man nicht überhaupt zu sehr am
Buchstaben? Nach Luther lebt die Erbsünde fort, nach dem
Tridentinum der fomes; das Wesen der Erbsünde ist nach
Luther die concupiscentia (s.u. A. 31), das Wesen des
fomes — die concupiscentia!, ja noch mehr: er
ist proprie die radix omnium peccatorum (Thomas
In Sent. II, 43 1 ad 2); schließlich hat Luther einen
„objektiven” Sündenbegriff (vgl. Lex 132 f. m. A. 1079, weil auch
zur Sünde noch die imputatio durch Gott kommen muß,
damit die Sünde zur Schuld wird), die Scholastik in der
Hauptsache einen objektiv-subjektiven (obwohl auch das
Tridentinum den objektiven Sündenbegriff kennt, vgl. Denz.
1521).
31) Vgl. Lex 123 A. 989 und unten A. 32 (Regim. 258
nennt sie den gottfeindlichen Willen) — weswegen K.A. Meissinger
genauer von der Fortdauer der erbsündlichen
concupiscentia spricht (113 ff.). Die Fortdauer der
Konkupiszenz im Gerechtfertigten wird trotz des Tridentinums auch
in der katholischen Theologie noch vertreten, vgl. die Konzeption
K. Rahners I 377 ff.; J.B. Metz’ HthG I 843 ff. Zu Augustin vgl.
M. Schmaus KD II/l 502, M. Strohm 184-203.
32) NR 38 A. 10, Lex 131, IZ 8, AS 62;
concupiscentia, id est „infirmitas nostra ad bonum”, Lex
132 A. 1076; sie affiziert sogar die ratio, KuK 269 f.;
zur Konkupiszenz in der Ehe s.u. 11378.
33) Lex 131 f., AS 62, KuK 233; Lex 123 A. 987
iustus . . . nullus nisi inchoative; ähnlich Wolf (s. u.
299 ff.); Luther definiert also den Urstandsmenschen nicht „eben
so” wie den Gerechtfertigten, Lex 125, 144 f., a. M. Ernst Wolf
ZevKR 1955 235. Damit löst sich die von Ernst Wolf ebd. 241
bemerkte Schwierigkeit. Zur katholischen Diskussion des
eschatologischen Charakters der Rechtfertigung vgl. H. Küng 1957
231-242.
|34|
Daß die „Erbsünde” auch im Gerechtfertigten bleibt, ist für Luther die logisch notwendige Voraussetzung für sein Verständnis der Erlösung. Denn erlöst ist der Sünder nur „während” des personalen Bezugs zu Christus; wäre die Erbsünde ein für allemal durch die Taufe vernichtet, etwa wie eine Sache zugrundegeht, dann bedürfte es keiner weiteren Begegnung mit Christus — was unsinnig wäre.
So weit über den Status des Christen. Wie steht es mit seiner vita?
Im konkreten Leben ist der Status des Gerechtfertigten überaus gefährdet. Der Christ steht mitten im Kampf zwischen Gottes- und Teufelsreich. Das Schlachtfeld geht quer durch seine Brust34. Der Unterschied zum Ungläubigen besteht nur darin, daß der Gerechtfertigte — wenn er die geschenkte Gerechtigkeit willig annimmt — gegen den Satan bestehen kann, der Sünder dagegen fallen muß. Wäre der Christ noch dem Teufel hörig, so wäre er wehrlos der Sünde ausgeliefert. Nun aber trägt er die geistliche Waffenrüstung und hat die Kraft zu widerstehen, wenn er auch immer wieder fällt35. Nichts vermag er aus eigener Kraft; er hat nicht mehr die iustitia originalis des Urstandes36. Blickt er auf sich selbst zurück, verharrt er in Sünde; blickt er auf Christus, ist er gerechtfertigt. Nur sola fide37, d.h. nur in Gemeinschaft mit Christus ist
34) S.u. 43 f. zum Kampf der beiden Reiche.
35) Lex 131, IZ 8.
36) Das besagt nur(!), daß sie nicht mehr „natürliche”
Ausstattung des Menschen ist, sondern allein innerhalb des
personalen Bezugs zu Christus besteht, Lex 125.
37) Grat. 508 (wobei es für Luther einen wahren
Glauben ohne Liebe [fides informis] nicht gibt, R.
Schwarz 171, Gerh. Müller FS Maurer 43 f.); vgl. unten
8571 lex charitatis = lex fidei + lex
charitatis i.e.S.; Grat. ebd. „für . . . verdienstliches
Handeln . . . ist kein Raum mehr”. Zur „nachfolgenden”
cooperatio s.u. 7625. — Ob man nicht schärfer
zwischen der Unmöglichkeit des Verdienstes des Sünders
und der Möglichkeit eines nur analogen (!) „nachfolgenden
Verdienstes” des Gerechtfertigten unterscheiden sollte (nämlich
als eschatologischer Lohn, J. Schmid, Exkurs: Der Lohngedanke im
Judentum und in der Lehre Jesu, 1952 287-294; ebenso
Preisker-Würthwein ThW IV 699-736), nachdem der aktuelle Anlaß
der großen Heilspolemik Luthers gegen gewisse Praktiken vorbei
ist? Auf die augustinische meritum-Terminologie sollte
es nicht ankommen. Sagt doch auch Luther zum Galaterbrief 1531:
(bona opera sunt) facienda ut fructus iustitiae, sed
non facienda ut efficientia iustitiam (WA XL 1, 287,
3). Sachlich sagt das gleiche die katholische Dogmatik:
Die Gnade kann durch kein der natürlichen Ordnung
angehöriges Werk verdient werden; Gottes Rechtfertigungsgnade ist
absolut frei. Es gibt kein heilsrelevantes Tun, das nicht „zuvor”
von der Gnade ermöglicht, getragen und geführt wäre. Der Mensch
➝
|35|
er ein sanctus, und das allein ist seine iustitia38. Die Gnade ist alles, der Mensch, auch der gerechtfertigte, ist nichts.
So ist der Christ in einer wenig beneidenswerten Lage. Er ist zwar gerechtfertigt, aber lebt dennoch immer wieder in Sündhaftigkeit (concupiscentia) und aktueller Sünde. Diese Spannung ist auf Erden unaufhebbar39.
Kein Wunder, daß der Christ in seinem alltäglichen Leben nicht erreicht, was ihm kraft Status zukäme: seine ratio und voluntas tragen trotz der Gnade immer noch „welthafte” Züge40. Die Folgen dieses eschatologischen Dualismus im Leben der Christen finden sich im kirchlichen Recht auf Schritt und Tritt41.
Darin zeigt sich das den katholischen Christen so paradox anmutende Selbstverständnis des evangelischen „getrennten” Bruderchristen. Er ist seines Heils gewiß 42 — und dennoch in so unfaßlich großem existentiellen Abstand von seinem Herrn; er ist simul peccator et iustus.
Nicht nur katholische Forscher haben an diesem kühnen Wort Luthers Anstoß genommen, „das das Neue Testament so nicht kennt”43.
➝ kann weder zum Glauben gelangen noch gerechtfertigt
werden noch gerecht bleiben ohne Gnade (B. Bartmann II 26-36, 45
f.; W. Dettloff HthG II 394 f.).
38) Lex 125; KuK 233 A. 64 zur iustitia trotz
der inhabitatio peccati in carne; sie ist iustitia
aliena, scil. Christi (Lex 125 f., Padua 329) und
passiva (weil sie willig entgegengenommen werden muß,
RuG 331, Lex 131 [insofern wäre sie auch nach katholischer Lehre
eine iustitia passiva, vgl. M. Schmaus KD III/2 137])
und darum kein habitus (Lex 123 A. 992; so seit den
skotistischen Franziskanertheologen über Luther bis heute, obwohl
hier habitus nicht im üblichen
[aristotelisch-thomistischen] Sinne gebraucht wird, H. Küng 1957
194 ff., 203).
39) Lex 124.
40) KuK 269, 272; so versuche ich den Widerspruch
aufzulösen, daß He. einerseits von der im Glauben erleuchteten
Vernunft des Christen redet (Lex 40, 127 u.ö.) und doch
andererseits ebendiese Vernunft kein „geistliches” Recht zu
setzen vermag, KuK 268 f.
41) S.u. 183 ff. zur Kluft zwischen lex
spiritualis und lex humana und 205 f. zur Abwertung
des „äußeren” Kirchenregiments.
42) Dazu zuletzt M. Keller-Hüschemenger und S.
Pfürtner (die evangelische Heilsgewißheit entspreche der
thomasischen Hoffnungsgewißheit, STh 11/2 q 18 a 4 ad 2).
43) P. Althaus (1958) weist auf das autobiographische
Mißverständnis von Röm 7.14 durch Luther hin — was natürlich
nichts darüber sagt, ob dieses Wort nicht dennoch die Existenz
des Menschen vor Gott gültig umschreibt (vgl. die oben
3330 genannten evangelischen und katholischen
Stimmen).
|36|
Andererseits lautet ein Hauptvorwurf gegen Heckels Reiche- und Regimentenlehre, sie mißachte diesen Grund-Satz der Rechtfertigungslehre44. Aber das trifft in keiner Weise zu.
Heckel45 verweist auf die doppelte Fassung bei Luther, der vom gerechtfertigten Sünder einmal sagt, er sei totus iustus et totus peccator, ein andermal aber partim iustus partim peccator. Totus und partim peccator — wie reimt sich das zusammen?
Darauf antwortet Heckel mit der Unterscheidung von status und vita. Das totus bezieht sich auf den Status des Menschen, das partim meint seine vita.
Der Christ ist als ganzer Sünder ganz gerechtfertigt, gehört ganz ins Reich der Gnade. Die doppelte Beziehung des Christen zur Sünde und zur Erlösung wird auf paradoxe Weise zusammengefaßt im totus peccator, totus iustus. Das partim dagegen drückt die vita christiana aus in ihrem ständigen Kampf gegen die Sünde46.
Dementsprechend ist „Sünde” beim ersten Satz das peccatum originale, beim zweiten jedoch das peccatum actuale47.
Simul peccator et iustus sind also die zwei Seiten der eschatologischen Existenz des Christen48, der Ausdruck des eschatologischen Kampfes um den in Christus Gerechtfertigten, die Rechtsformel seiner Existenz.
Ihre Spuren werden deshalb im folgenden ständig wiederkehren: in der Zweireichelehre (ist der Christ „Bürger zweier Reiche”?), in der Rechtslehre (der zweifache Charakter des menschlichen Rechts), in der Kirchenlehre (die beiden Gesichter der Kirche) und schließlich in der Kirchenrechtslehre.
44) Regim. 258, 12 7 A. 19: G. Hillerdal; KuK
233 A. 64: H. Brunotte; Lex 34 A. 176: G. Wingren.
45) Er stützt sich vor allem auf W. Elerts Morphologie
(gegen G. Wingren) und R. Hermann (NR 38 A. 10, Lex 34 A. 176,
125 A. 1013, 132 A. 1074). Vorstufe: RuG 332; Gru. LWB 34. Zum
folgenden vgl. Lex 131 f.
46) Dazu auch AS 62 f.; zweifelnd Ernst Wolf ZevKR
1955 241 A. 22.
47) Lex 132 — wobei die Tatsünde die objektive
Sündenmacht ist, die den Menschen okkupiert.
48) So die Deutung der Formel durch R. Bultmann 1964
183 f., die (insoweit) mit He. übereinstimmt, vgl. wieder Lex 131
f.