50
8/9,230-242
01-08-1939

|230|

 

 

Die geistleibliche Gestalt der Kirche.

1)

 

1. Der Geist, von dem zu reden ist, wenn die Frage nach der geist-leiblichen Gestalt der Kirche gestellt wird, ist allein der Geist Gottes, das Pneuma im neutest. Sinne. Es steht hier also nicht das Gestaltproblem innerhalb des erschaffenen Kosmos als solches und für sich zur Rede, nicht das Problem der schöpferischen oder gestaltenden Kraft des menschlichen Geistes. Das Schema des volkstümlichen Idealismus: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut”, kommt hier nicht in Betracht. So könnte das eigentümliche Problem der Geistleiblichkeit der Kirche nur verfehlt werden.

Das Pneuma ist die Gegenwart göttlichen Sich-Offenbarens als wunderbare, als wirkende (Pneuma ist Dynamis) und als neuschaffende. Der Geist ist der creator spiritus, der Schöpfer des neuen, d.h. des eschatologischen Lebens. Die Offenbarung des göttlichen Heils ist „Geist”, indem sie in die Welt dringt, indem sie den Menschen erfaßt und erfüllt, so daß er nun im Geiste glaubt, betet, handelt und wiederum der Geist in ihm ist. Geist ist immer der herabkommende Geist: πνεῦμα θεοῦ καταβαῖνον (Matth. 3, 16), der geheimnisvoll wirkende, unberechenbare Ursprung einer total neuen Existenz (Joh. 3, 1 ff.). „Pneuma benennt Gott nach seinem Wirken innerhalb der Welt” (Schlatter).

Der Hl. Geist ist der Geist der Heilsverwirklichung, der Wirker des ganzen Heilsgeschehens in der Welt und am Menschen, von der Sendung des Sohnes an, welcher der Geistträger ist, bis zu seiner Wiederkunft. Geistgewirkt und -erfüllt sind Verkündigung


1) Leitsätze aus der theologischen Vorbereitungsarbeit für den Lutherischen Weltkonvent.

|231|

und Sakrament, Bekenntnis und Glaube, Rechtfertigung und Heiligung, Wunder und Charisma. Der Hl. Geist ist daher geradezu der Schöpfer der Kirche: die Kirche ist der pneumatische Tempel, das geistliche Haus (Eph. 2, 21 f.; 1. Petr. 2, 5). Der Hl. Geist wohnt im Christen wie in der Kirche, im Leibe Christi im ganzen wie in der einzelnen Gemeinde. Der Leib Christi hat pneumatische Existenzweise. Der eine Leib Christi wird durch den einen Geist zu diesem einen Leibe geschaffen, der er ist (1. Kor. 12, 13). Kirchestiftend und -bauend ist der Hl. Geist welt-gegenwärtig, nimmt er Wohnung in menschlichen Leibern, irdischer Sarx und in der Gemeinschaft solcher Menschen. Vgl. Eph. 2, 22; 1. Petr. 2, 5; Phil. 1, 27; Eph. 4, 4; 1. Kor. 3, 16; 6, 19; Röm. 8, 9; 2. Kor. 6, 16.

2. Weil der Hl. Geist immer der Schöpfer Geist ist, so drängt er zur Verleiblichung. πνεῦμα und σῶμα gehören im N.T. zusammen (1. Kor. 6, 19). Das σῶμα Χριστοῦ ist pneumatisch. Das eschatologische Leben hat die Gestalt des σῶμα πνεματικόν (1. Kor. 15, 35 ff.). Wie die erste Schöpfung, so hat auch die zweite, die Neuschöpfung, die leibliche Gestalt. Und die Leiblichkeit der ersten Schöpfung ist nur ein praeludium resurrectoinis. So gewiß zwischen beiden Schöpfungen, zwischen dem alten und dem neuen Menschen der Tod steht, so gewiß entsprechen sie einander in der Leiblichkeit (1. Kor. 15, 35-44). Gott ist für die Heilige Schrift immer der Schöpfer konkret-leiblichen Lebens, und die Unermeßlichkeit seiner Schöpfermacht tritt gerade darin heraus, daß er eine Fülle von Leibern zu schaffen vermag. Vollendung, ewiges Leben, Auferstehung heißt Verwandlung (1. Kor. 15, 51 ff.). „Wenn es einen psychischen Leib gibt, so gibt es auch einen pneumatischen” (1. Kor. 15, 44). Die Gewißheit der zukünftigen pneumatischen Leiblichkeit als der Seinsweise und des Lebens der Auferstehung aber ist begründet in der Sendung Christi, des himmlischen Menschen, des Adam der Endzeit, mit welchem die neue Schöpfung anhebt, und dieser ist „lebenschaffendes Pneuma” (1. Kor. 15, 45). Er selber trägt als der Auferstandene und Erhöhte den „Leib der Herrlichkeit” (Phil. 3, 21). Wie σῶμα und πνεῦμα zusammengehören, so auch σῶμα und δόξα. Darum kann auch schon im irdischen Dasein des Christen und der Gemeinde ein Zeichen der neuen, eschatologischen Einheit von σῶμα und πνεῦμα aufgerichtet werden: „Verherrlicht Gott mit eurem Leibe!” (1. Kor. 6, 20). Dies kann und soll geschehen, weil

|232|

schon jetzt „euer Leib ein Tempel des in euch wohnenden heiligen Geistes ist” (6, 19). Weil das Pneuma Gottes und Christi in die Welt gekommen ist, darum beginnt schon jetzt auch die somatische Neuschöpfung durch das Pneuma im Heilsgeschehen der Abwaschung, Gerechtmachung, Heiligung (6, 11), in welcher und durch welche auch das eigene Tun des Menschen ein neues wird. Wir können und sollen jetzt unsere Glieder zu Dienern Gottes und „Waffen der Gerechtigkeit” machen, weil wir aus dem Tode zum Leben erstanden sind (Röm. 6, 12-13). Die Kehrseite dieses Vorganges ist das Sterben des alten Menschen, und zwar wiederum gerade als des konkreten Leibes, der er ist: denn leben heißt im Leibe sein (Hebr. 13, 3; vgl. 2. Kor. 5, 6), der irdische Leib aber ist ein Leib der Sünde (Röm. 6, 6), ein Leib des Todes (Röm. 7, 24), ein Leib der Niedrigkeit (Phil. 3, 21); daher von hier aus gesehen auch σῶμα und σάρξ einmal gleichgesetzt werden (Röm. 8, 13: durch den Geist müssen die „Handlungen des Leibes” ertötet werden) oder der Leib ein „fleischlicher” genannt werden kann (Kol. 2, 11). Gott aber wird, wie er Jesus Christus von den Toten auferweckt hat, „auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt” (Röm. 8, 11). In demselben Sinne heißt Christus der ,,lebenschaffende Geist” und ist das Zeugnis „der Herr ist der Geist” verbunden mit dem Gedanken der Verwandlung in das Bild des Herrn, d.h. in die göttliche Doxa (2. Kor. 3, 17-18).

Wenn jedoch die somatische Neuschöpfung aus dem Hl. Geiste schon jetzt, in der Heilszeit, beginnt — das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden (2. Kor. 5, 17) —, weil der „himmlische Mensch” erschienen ist, so muß Anfang und Grund der Neuschöpfung in der Menschwerdung, der Inkarnation Christi gesucht werden. Und diese selber ist die erste und grundlegende Verleiblichung des göttlichen Geistes: „Empfangen vom heiligen Geist”. „Heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich beschatten” (Luk. 1, 35). Alle weitere Verleiblichung des Hl. Geistes in der Kirche, in Wort und Sakrament, in Wunder und Charisma, in Erleuchtung und neuem Leben, in Ämtern und Ordnungen ist Folge der Sendung des himmlischen Menschen, des Sohnes Gottes, der geist-erzeugt die Fülle des Geistes empfängt und ihn aussendet, dessen, der also mit Recht der „lebenschaffende Geist”, der creator spiritus heißt. „Denn der, den Gott gesandt hat, redet die Worte

|233|

Gottes, nicht abgemessen nämlich gibt er (Gott) den Geist” (Joh. 3, 34). Weil der Logos Sarx wird, darum hat die Kirche geistleibliche Gestalt.

Die Inkarnation bedeutet einmal Menschwerdung: der Sohn Gottes ist „geboren vom Weibe” (Gal. 4, 4), „aus Davids Samen dem Fleische nach” (Röm. 1, 3), „menschengleich an Gestalt und menschengleich an Gebärde” (Phil. 2, 7). Diese Menschlichkeit des Erlösers ist nicht wie in der Gnosis nur Verkleidung und Veranschaulichung, sondern reale und totale Menschlichkeit: darum von Johannes betont Sarx genannt, als vergängliches und irdisches Menschsein in der Welt (Joh. 1, 14). Der Sohn ist gesandt in der leibhaften Gestalt des Sündenfleisches (Röm. 8, 3)1). Die Charakterisierung „Soma” gilt auch von dem erhöhten himmlischen Christus, der der Geist ist (denn er trägt den Leib der Herrlichkeit), die Charakterisierung „Sarx” dagegen nur von dem geschichtlichen Christus. Die Sarx vergeht, wie die mit ihr verbundene Sünde verurteilt und gerichtet wird dadurch, daß Gottes Sohn im Sündenfleische erscheint und Mensch wird, aber das Soma bleibt; es ist zum Leibe der Herrlichkeit verklärt. Wie dies von dem Sohne gilt, so auch in zweiter Linie von allen denen, die er zu Söhnen macht. Alle diese werden das Bild des himmlischen Menschen tragen (1. Kor. 15, 49); sie werden dem Leibe seiner Herrlichkeit gleichgestaltet werden (Phil. 3, 21).

3. Steht aber die Geistleiblichkeit der Kirche auf derselben Stufe wie die Menschwerdung des Sohnes? Ist die Inkarnation der Kirche einfach eine Fortsetzung, eine Form der Inkarnation des Sohnes? Die Kirche entsteht als ein Leib durch das Wirken des Geistes. Weil ein Geist, darum auch ein Leib (1. Kor. 12, 13; Eph. 4, 4). Der Herr aber ist der Geist, und der Geist ist der Geist des Herrn. Die Antwort muß also dialektisch gefaßt werden. Die Kirche ist die Schöpfung des Geistes des Herrn. Daher ist sie in der Tat die Folge und Fortsetzung der Sendung Christi (vgl.: „Wie mich


1) Wenn E. Gerstenmaier, Die Kirche und die Schöpfung, Berlin 1938, S. 227 f., davon spricht, daß das Kommen Christi in die Welt „um der Schöpfung und ihrer Bestimmung zum Reiche Gottes willen” geschehe, „daß aber das Kreuz Christi in der Welt steht um unserer Sünde willen”, so wird die Unterscheidung den zentralen paulinischen Aussagen wie Röm. 8, 3; Gal. 3, 13; 2. Kor. 5, 21 nicht gerecht. Weil unsere Geschöpflichkeit sündige Geschöpflichkeit ist und unsere Sünde die des Geschöpfes, widerspricht ein Satz wie dieser: „Die Christusoffenbarung geschieht . . . nicht ,um unserer Sünde willen’, sondern um unserer Geschöpflichkeit willen” (a.a.O., S. 227) der neutest. Christologie. Eben solche Trennungen, wie dieser Satz sie vollzieht, nimmt das neutest. Denken nicht vor.

|234|

der Vater gesandt hat, so sende ich euch”, Joh. 20, 21). Und es ist wirklich der Geist Christi und nicht bloß ein „Teil” dieses Geistes, den die Kirche empfängt und der im Leibe Christi wohnt. Dennoch muß die Geistleiblichkeit Christi von derjenigen der Kirche zugleich unterschieden werden: 1. ist die geschichtlich-irdische Leiblichkeit Christi nicht gleich der Leiblichkeit der Christen und der Kirche, weil Christus die Sünde nicht kennt , weil er der Gerechte und Gehorsame ist, der die Forderung Gottes erfüllt und den Willen Gottes tut (2. Kor. 5, 21; Röm. 5, 18-19). — 2. Christus trägt die himmlische Leiblichkeit als der Auferstandene und Erhöhte, während der Kirche, seinem Leibe auf Erden, erst der Anfang der Neuschöpfung gegeben ist, das pneumatische Soma jedoch von ihr erst noch in Hoffnung erwartet wird. Daher ist die Kirche nicht nur — als pneumatische — unlöslich mit Christus verbunden, sodaß sie die „Fülle Christi” genannt werden kann (Eph. 1, 23), in der Einheit des Hauptes mit dem Leibe, sondern sie ist zugleich auch — als menschliche, in diesem irdischen Leibesleben stehende — von dem Herrn getrennt, so daß sie im Seufzen und Hoffen lebt und sich nach der „Heimat beim Herrn” sehnen muß (2. Kor. 5, 1 ff.). Den totus Christus gibt es nur als den mit seiner Kirche verbundenen und in ihr als Pneuma gegenwärtigen, als das Haupt des Leibes, von dem das ganze Leben des Leibes stammt (Eph. 4, 16). Dieser selbe Christus aber ist erhöht zur Rechten Gottes und seine Gemeinde durch dieses Leibesleben noch von ihm getrennt, wandelnd im Fleische, aber freilich ihren Kampf nicht führend nach der Weise des Fleisches (2. Kor. 10, 3). Denn die Herrschaft des sündigen Fleisches ist gebrochen in der Kirche, deren Apostel von sich sagen kann, daß er „in der Gnade” wandelt und sein Leben führt (2. Kor. 1, 12). Das sind Realitätsaussagen. So wahr Jesus Christus der fleischgewordene Logos ist, so wahr verleiblicht sich sein hl. Geist in der Kirche — sein Geist und kein anderer, im Kampfe mit anderen Geistern, nämlich den bösen Geistern, den dämonischen Mächten, aber dennoch sein Geist als Gegenwart, als Wirklichkeit, als Erfüller der Herzen der Gläubigen; nicht mehr nur als Verheißung für die Zukunft, vielmehr als der Erbauer des neuen Tempels, als der Erwecker aller Formen eines neuen Gottesdienstes (1. Kor. 12-14).

Aber es ist nun die entscheidend wichtige Frage nach dem Wie, den Weisen der Verleiblichung des Hl. Geistes in der Kirche

|235|

entstanden. Die allgemeine Antwort, die nur die Weltgegenwart und Fleischwerdung des Geistes feststellt, ist ungenügend. Es ist ferner die Frage: stehen die Formen der Verleiblichung auf derselben Ebene?

Die Kirche als Ganzes, als der Leib Christi, als der Tempel des Hl. Geistes, hat leibliche Gestalt. Die einmalige Menschwerdung des Logos, des Sohnes Gottes, setzt sich fort in der stets gegenwärtigen, sich immer erneuernden und kontinuierlichen Menschwerdung des Hl. Geistes. Das Leben der Kirche ist überhaupt dieser ebensosehr jeweils neue als im geschichtlichen Werde- und Überlieferungszusammenhange immer schon geschehene und realisierte Akt der Menschwerdung des Hl. Geistes. Wir sprechen hierbei von einer Kontinuität von oben her und nicht von unten her, von einer pneumatischen Kontinuität und Geschichtlichkeit des Lebens der Kirche. Diese Kontinuität ist die echte Geschichte des Glaubens, in welcher jeder Einzelne und jegliches Geschlecht in und mit und unter der eigenen Glaubensentscheidung zugleich im „Glauben der Väter” steht und von dem „Glauben der Väter” lebt. Ja, der Hl. Geist bindet sich — die Fortsetzung der göttlichen Kondeszendenz in der Menschwerdung Christi — so sehr an die Geschichte, daß neues Wirken des Hl. Geistes und Erneuerung der Kirche den Weg über die Zeugnisse der Väter im Glauben nehmen kann. Diese Kontinuität ist die echte traditio, die zugleich pneumatisches Leben und menschliche Geschichte (Wort, Gemeinschaftsordnung usw.) ist. Nicht die menschliche Geschichte bindet den Hl. Geist, als könne sie ihn gefangen nehmen oder als könne sie in bestimmten Institutionen, Ordnungsformen, Worten und Formeln des Hl. Geistes mächtig werden, ihn bannen, eine Garantie für sein Erscheinen und seine Gegenwart geben. Wohl aber hat es der göttlichen Barmherzigkeit und Gnade wohlgefallen, sich selber aus dem Herrenrecht der Freiheit zu binden, sodaß Gottes Wort im Menschenwort sich verwirklicht und Menschen hörbar wird, sodaß zweitens ein Amt, von Menschen getragen, gestiftet wird, das die Versöhnung predigt, sodaß drittens in Brot und Wein Christus in neuer irdischer Gestalt in seiner Gemeinde gegenwärtig wird. Das Sakrament des Altars bezeichnet den tiefsten möglichen Punkt, bis zu dem die Verleiblichung hinabdringt, indem in den Elementen uns Christus speist und tränkt zum ewigen Leben; daher sie von Paulus die geistliche Speise und der geistliche Trank genannt werden (1. Kor. 10, 3-4; 12, 13; vgl.

|236|

Joh. 6, 50 ff.). Am Verständnis des Altarsakraments entscheidet sich daher das Verständnis der geistleiblichen Gestat der Kirche überhaupt. Jede Art von Symbolismus und Doketismus hebt den wirklichen Zusammenhang der Kirche mit der Menschwerdung Christi auf und ist Ungehorsam gegen die Erscheinung Gottes im Fleisch.

Die Verleiblichung des Hl. Geistes in Wort, Amt und Sakrament ist nun die Verleiblichung erster Ordnung, von der alle weitere Verleiblichung abhängt und herzuleiten ist. Darum kann Eph. 2, 20 ff. gesagt werden, daß der Aufbau der Kirche zu einer Behausung Gottes im Geist errichtet wird auf dem Fundament der Apostel und Propheten. Aber auch das Wort ist Verleiblichung. Ohne Leib und Stimme und Sprache von Menschen und Völkern gibt es kein Hören des Wortes Gottes, kein Entstehen des Glaubens. Nur eine rationalistisch-technische Auffassung konnte die Leiblichkeit des Wortes verkennen, weil es ihr entweder nur um den übermittelten Gedanken oder bloß den Zweck der Verständigung zu tun war. Man kann also nicht Wort Gottes und Leiblichkeit voneinander trennen; denn die Verkündigung des Wortes gibt es nicht ohne Leiblichkeit. — Alle solche Verleiblichung des Hl. Geistes in der Kirche aber bleibt Wunder im strengen Sinne, unbegründbare Tat der Barmherzigkeit Gottes. Es ist Gottes Tat und Wirken in den Glaubenden, daß sie das Menschenwort der an sie ergehenden Predigt als wahrhaftiges Gotteswort aufgenommen haben (1. Thess. 2, 13). Die Verleiblichung der Offenbarung Gottes ist paradox: wider den Augenschein, wider die menschliche Vernunft. Die Predigt ist wirkliches Menschen- und wirkliches Gotteswort. Das Element des Abendmahls ist wirklich Brot und Wein und wirklich Leib und Blut Christi. Das ist die paradoxe Einheit heilsgeschichtlicher Verwirklichung. Paradox muß sie genannt werden, weil sie nicht einem Gesetze organischen Lebens und menschlicher Verwirklichungskraft untersteht, weil sie in einer Leiblichkeit und Kreatürlichkeit geschieht, die vergänglich ist und nur den irdischen Leib zu ernähren vermag, oder ein flüchtiges menschliches Wort zum Träger hat, das als gesprochenes alsbald verhallt und nicht mehr ist, endlich deswegen, weil das menschliche Sein, in dem solche Verleiblichung des Hl. Geistes geschieht, immer sündiges Sein ist. Die paradoxe Einheit von Christus und Element, von Gotteswort und Menschenwort, von Hl. Geist

|237|

und menschliche Gemeinschaft und Gemeinschaftsordnung (z.B. in der Agape, im Gehorsamsanspruch des apostolischen Amtes usw.) ist Zeichen der erwählenden, herausnehmenden, aussondernden Gnade Gottes, der spricht, daß er hier und nirgends anders, so und nicht anders gegenwärtig, wirklich, leiblich zu hören und zu empfangen sein wolle und nicht an anderem Orte oder in anderer Gestalt nach menschlichem Wunsch und Willen gesucht werden dürfe. Auch die Begriffe Luthers, „sakramentliche” und „persönliche Einigkeit”, wollen und können diese „paradoxen” Charakter der Einheit nicht aufheben.

Die Verleiblichung des Hl. Geistes zweiter Ordnung sodann geschieht in der Kirche als menschlicher Gemeinschaft, die in und aus der Agape lebt, in der Heiligung des einzelnen Christen, der „in der Gnade wandelt” (2. Kor. 1, 12) und in der Ordnung der Ämter und Dienstleitungen, durch welche der Leib Christi aufgebaut wird; denn auch diese tragen alle, selbst wenn es sich um den Dienst der Verwaltung oder Leitung handelt, den Charakter von Charismen oder Geisteswirkungen; ist doch sogar das Kollektenwerk mit aller Arbeit und der irdischen Gabe des Geldes, die zu ihm gehören, ein „Gnadenwerk” oder eine „Dienstleistung” (1. Kor. 12, 4. 28 ff.; Eph. 4, 11-12; 2. Kor. 8, 1 ff. 6; 9, 1).

Wir sprechen aber von der Verleiblichung zweiter Ordnung deswegen, weil ohne Wort, Amt und Sakrament der Hl. Geist in der Kirche nicht bauend gegenwärtig sein kann. Ohne das kirchengründende apostolische Amt vermöchten die übrigen Ämter der urchristlichen Kirche nicht zu bestehen. Sie alle aber gehören zur geistleiblichen Gestalt der Kirche, weil hier Menschen Träger der Gnadengaben sind: der Geist ist ausgegossen auf alles Fleisch (Apg. 2, 17), jeglicher Leib ist Tempel des Hl. Geistes, der in den Gläubigen wohnt (1. Kor. 6, 19), die Liebe Gottes ist ausgegossen durch den Hl. Geist, der uns gegeben ist (Röm. 5, 5), wie andererseits die Liebe auch als Frucht des Geistes bezeichnet werden kann (Gal. 5, 22). Alles, was die Gemeinde tut: ihr Bitten und Danken, ihr Helfen und Dienen, ihr ganzer Gottesdienst mit Prophetie, Hymnus und Zungenrede, alles dies kommt aus dem Hl. Geiste und geschieht in ihm. Das heißt: der Geist ist schöpferisch, als der Lebendigmacher, tätig in der ganzen Leiblichkeit der menschlichen Kreatur und bringt so aus ihr die Fülle und den Reichtum eines neuen Gottesdienstes

|238|

„im Geist und in der Wahrheit” hervor (Joh. 4, 23; vgl. 1. Kor. 12-14; Kol. 3, 16).

Es ist weithin, und zwar gerade in der lutherischen Überlieferung, üblich, die Kirche in dieser ihrer gesamten geistleiblichen Gestalt als Organismus zu bezeichnen, wie es das paulinische Gleichnis „Leib Christi” nahelegt. Es muß jedoch beachtet werden, daß die Geistleiblichkeit der Kirche weder vom griechischen noch vom idealistisch-romantischen noch vom biologischen Gedanken des Organismus her verstanden werden darf 1). Vom Organismus darf hier wieder allein in dem paradoxalen Sinne des „pneumatischen Organismus” gesprochen werden. Dieser Sinn tritt im neuen Testament bekanntlich darin hervor, daß das ganze Leben und der Aufbau des Leibes allein auf Christus oder den Hl. Geist zurückgeführt wird; vom Haupte her lebt dieser Leib, nicht von dem Ineinandergreifen verschiedener Glieder und Funktionen; ebenso betont Paulus, daß die Rangordnung der Geistesgaben in diesem Leibe von Gott gesetzt sei (1. Kor. 12, 4-6. 11. 18. 24; vgl. Eph. 4, 16; Kol. 2, 19). Dieser Leib ist ja die Gemeinschaft, die aus der Gottesherrschaft entsteht und lebt.

Wir haben demnach in der Tat zwei Stufen und Ordnungen der Verleiblichung des Hl. Geistes zu unterscheiden. Nur darf diesem Satz nicht der neuplatonisch-emanatistische Sinn unterlegt werden, als handle es sich z.B. in der Schaffung der Agape-Gemeinschaft zwischen Menschen, also in der Du-gebundenen Nächsten- und Bruderliebe um eine geringere Seinsweise und mangelhaftere Wirkungsweise des Hl. Geistes als in der ersten Ordnung der Verleiblichung in Wort und Sakrament und Amt. Es ist vielmehr ein und derselbe Hl. Geist Gottes und Christi, der hier wie dort wirkt, hier wie dort in derselben Weise heilig und göttlich, streitend wider die Macht der Sünde und des Todes, neues Leben zeugend. Doch können Liebe und Heiligung undrechte Ordnung des Leibes Christi eben nur dort wirksam sein, wo Gottes Wort zu Menschenwort wird, wo Christus irdische Menschen zu Trägern seiner Vollmacht eingesetzt hat, und wo er selber in der irdischen Gestalt der Elemente als der sterbende und siegende König der Gottesherrschaft sich den Menschen hinschenkt und austeilt. Sakrament, Amt und Wort haben den heilsgeschichtlichen, kirchengründenden Vorrang, aber


1) Vgl. hierzu E. Käsemann, Leib und Leib Christi, Tübingen 1933, S. 23 ff., 97 ff.

|239|

nicht die Qualität einer anderen und höheren Seinsweise. In dieser Weise hat auch Paulus die Zungenrede der Prophetie nachgeordnet, weil der Bau der Gemeinde der Kanon seiner Urteilsbildung über die Bedeutung der Charismen ist.

5. Wird die Verleiblichung des Hl. Geistes in dieser Weise als das unumgängliche Lebensgesetz der Kirche angesehen, so kann die Gefahr der Gesetzlichkeit und Vermenschlichung in Kirche und Theologie entstehen. Gesetzlichkeit ist aber von Leiblichkeit und Vermenschlichung ist von Menschwerdung scharf zu unterscheiden. Die einen stammen vom Menschen, vom Sündenfleisch, das Gott binden und beherrschen will, indem es Leistung und Opfer Gott darbringen zu können behauptet. Dadurch wird aus dem Gottesbau der Kirche ein Menschenwerk gemacht. Die anderen sind die Erscheinungsweise der göttlichen Gnade und der dreieinigen Gottesperson im Fleisch, aber sie sind nicht „fleischlich”, erkennen die Sarx nicht als ihr Lebensgesetz an, sondern verurteilen und besiegen sie.

Hier gilt das apostolische Urteil: „Wenn ihr vom Geiste getrieben werdet, so steht ihr nicht (mehr) unter dem Gesetz” (Gal. 5, 18). Die geistleibliche Gestalt der Kirche darf also nicht in eine knechtende Gesetzesordnung verwandelt werden, so gewiß sie konkrete Gestalt und Ordnung der Kirche sein wird. Aber diese Gestalt ist der Kirche gleichsam natürlich „angewachsen”, sie bewegt sich in diesem Leibe mit selbstverständlicher Freiheit, sie ist dieser Leib, aber sie trägt diese Gestalt nicht wie eine hemmende schwerlastende Panzerrüstung, die ihren Träger erdrückt. Paulus schätzt die „Taxis” hoch, die Ordnung, sowohl im Gottesdienste, als im Verhältnis der Gemeinden zu ihren Leitern und zu ihren gemeinsamen Aufgaben des Dienstes und der Fürsorge (wie z.B. dem Kollektenwerk), aber diese Ordnung hat pneumatischen Charakter, d.h. sie wird im Gehorsam der Liebe vollzogen, nicht in der Unterwerfung unter ein zwingendes Gesetz, weil die Kirche Christi die Stiftung der göttlichen Barmherzigkeit, aber nicht des Gesetzes ist, das Verurteilung, Zorn und Tod mit sich führt. In diesem Gehorsam der Liebe aber, in welchem einer des anderen Lasten trägt, ist das Gesetz Christi erfüllt (Gal. 6, 2). Das Gesetz wird verwandelt in das Gesetz Christi. Dies hat nun nicht mehr tötenden, sondern mit der Mahnung und Forderung zugleich erfüllbaren Charakter, weil es innerhalb des Leibes Christi gilt, welcher des Gesetzes Ende und Erfüllung ist, weil es also in der

|240|

Gemeinschaft gilt, die von der pneumatischen Liebe erfüllt ist. In Christus sein, Träger des Amtes dieser Kirche sein, heißt zugleich „im Gesetze Christi stehen” (1. Kor. 9, 21). Im Christus-Gesetz stehen bedeutet aber, daß Gesetzlosigkeit, Unordnung„ Ungehorsam, Unkenntnis des Willens Gottes ausgeschlossen sind. Denn das Gesetz des Geistes, der Leben ist in Christus Jesus, hat die Gemeinde frei gemacht von dem Gesetze der Sünde und des Todes (Röm. 8, 2), zugleich aber die Rechtsforderung des Gesetzes, die gültig und göttlich ist, erfüllt in denen, die nach dem Geiste wandeln (Röm. 8, 4). Auch im Geiste gibt es ein Dienen, aber es geschieht nun in der Weise der neuen, eschatologischen Existenz, der neuen Schöpfung, welche in kraft des Geistes des wahren Gottesdienstes fähig ist (Röm. 7, 6). So bedeutet also die Herrschaft des Geistes nicht Gesetzlosigkeit, sondern das Geschehen des echten Gehorsams, der göttlichen Ordnung. Verleiblichung ist Ordnung, aber nicht Gesetzlichkeit, vielmehr Dienst unter der Gnade, σῶμα unter dem πνεῦμα.

Damit sind wir hier an die letzte Erkenntnis herangeführt: νόμος und σάρξ gehören zusammen — πνεῦμα und σῶμα gehören zusammen. Die σάρξ steht unter dem νόμος, der sie richtet, aber unfähig ist, sie in einen neuen Lebensstand zu verwandeln. Das σῶμα dient dem πνεῦμα. Obwohl es in seiner irdischen Gestalt sterblich bleibt, kann es schon hier in den Dienst der göttlichen Gnadengerechtigkeit gestellt werden, sofern wir durch die Kraft der Taufe aus dem Tode zum Leben erstanden sind, also das Ereignis der eschatologischen Neuschöpfung schon Wirklichkeit zu werden begonnen hat (Röm. 6, 12 ff.). Da hat denn die Vernichtung des „Leibes der Sünde” schon eingesetzt, und ein Leib im Dienste Gottes, ein geheiligter, kann an seine Stelle treten (Röm. 6, 6. 12 ff. 19). πνεῦμα und σῶμα sind einandere zugeordnet; nicht so, als ob das σῶμα aus sich die Möglichkeit hätte, pneumatisch zu werden, sondern eschatologisch zugeordnet: durch die Erlösertat Christi, in welcher durch die Gnade Gottes, der Schöpfer und Neuschöpfer ist und seine Schöpfung nicht zugrunde gehen läßt, die Schaffung der neuen Kreatur und des neuen Leibes ihren Anfang genommen hat 1).


1) Fr.K. Schumann hat in seiner Schrift „Vom Geheimnis der Schöpfung”, Gütersloh 1937, S. 13 ff. im Anschluß an der Hymnus „Veni creator spiritus” mit Recht darauf hingewiesen, „daß creator die Beziehung auf das Werk der Weltschöpfung mindestens mit einschließt”: „Quae tu creasti pectora”. Danach ist also auch in der ➝

|241|

Wie der zweite und der erste Adam, wie Christus und der erschaffene Mensch, wie Schöpfung und Erlösung, so entsprechen sich σῶμα und πνεῦμα. Es gibt nur eine somatische Schöpfung. Aber auch die Neuschöpfung verlangt nach der leiblichen Gestalt, dem σῶμα πνευματικόν (1. Kor. 15, 35 ff.). Die sterbende, vom Gesetz der Vergänglichkeit und Nichtigkeit niedergezwungene alte Schöpfung wird, mitten in ihrem Sterben, gleichsam aufgefangen und aufgenommen durch die Neuschöpfung, die in Christus an ihr geschieht. Die Verleiblichung des Hl. Geistes in der Kirche auf Erden ist der Beginn der eschatologischen Neuschöpfung. Mit ihr in einem und zugleich vollzieht sich der Prozeß des Sterbens des Leibes der Sünde und des Todes, der Abbruch der gefallenen Schöpfung.

6. Damit ist zugleich die Grenze der geistleiblichen Gestalt der Kirche in diesem Aion bezeichnet. Denn die Ekklesia ist noch nicht die Basileia. Sie kann auch den Tod der alten Welt nicht aufheben. Himmel und Erde müssen vergehen vor dem Angesichte Gottes, des Weltenrichters (Apok. 20, 11). Nur so kannes zur Neuschöpfung kommen. Die Kirche vermag nicht, Menschheit und Kosmos im ganzen in die Verleiblichung des Hl. Geistes hineinzuziehen. Die Kirche steht immer in Gefahr, sich zu vermenschlichen und so von sich selber als dem Leibe Christi abzufallen (Apok. 2-3). Damit die Sarx ganz vernichtet werden und die neue pneumatische Leiblichkeit in Erscheinung treten kann, damit Verwandlung und Auferstehung geschehen können, muß Christus noch einmal als der Sieger in Gottes Macht wiederkehren. Damit wird aber das nicht aufgehoben und zerstört, sondern vielmehr gerade bewahrt und vollendet, was geschehen ist: nämlich die Menschwerdung Christi, die Verleiblichung des Hl. Geistes in der Kirche, das Sterben des alten und die geistliche, aber reale Geburt des neuen Menschen inmitten sterbender Leiblichkeit, der Beginn der Verklärung in das Bild Christi (2. Kor. 3, 18). Zum Zeichen dessen ist unser Herr Jesus Christus selber auferstanden in dieser Welt in verklärter Leiblichkeit.

7. Der theologische Ort des Satzes von der Geistleiblichkeit


➝ Lehre vom Hl. Geist die eschatologische Zuordnung von Schöpfung und Erlösung sichtbar zu machen: es ist derselbe Geist, der die erste wie die zweite Schöpfung wirkt, und er wirkt die zweite um der ersten willen; das σῶμα πνευματικόν ist die neue Einheit beider.

|242|

der Kirche ist demzufolge 1. die christologische Lehre von Inkarnation und Auferstehung, 2. die eschatologische Lehre vom pneumatischen Leibe, 3. die Lehre von der Schöpfung, die, wenn sie recht beschaffen sein soll, von Anfang an christologisch und eschatologisch, d.h. auf den Anfang der neuen Schöpfung in Christus, ausgerichtet sein muß. In der Rede von der „geistleiblichen Gestalt der Kirche” werden diese drei Lehren miteinander verknüpft. Denn die Kirche ist in Christus in die Schöpfung hineingesenkt als die vorläufige Gestalt des neuen Lebens, in der die Verleiblichung des H. Geistes geschieht, weil Christus in ihr Wohnung genommen hat und nimmt und nehmen wird bis an das Ende der Welt 1).


1) Da das hier versuchsweise vom N.T. her aufgerollte Problem weder biblisch-theol. noch dogmatisch bisher in vollem Umfange behandelt worden ist, kann vorläufig zur Ergänzung, Begründung usw. nur auf folgende Schriften hingewiesen werden: Fr. Brunstäd, Die Kirche und ihr Recht, Halle, 1935. E. Gerstenmaier, Die Kirche und die Schöpfung, Berlin 1938. E. Käsemann, Leib und Leib Christi, Tübingen 1933. W. Stählin, Vom göttlichen Geheimnis, Kassel 1936. H.-D. Wendland, Geschichtsanschauung und Geschichtsbewußtsein im N.T., Göttingen 1938. Derselbe, Die Kirche als göttliche Stiftung, Leipzig 1938. Derselbe, Geist, Recht und Amt in der Urkirche, (Arch. f. ev. Kirchenrecht, 2. Bd., 1938, 5. Heft, S. 289 ff.). Derselbe, Die Verklärung der Welt (Theol. Blätter, 1939, Nr. 2, Sp. 48 ff.). Zöllner-Stählin, Die Kirche Jesu Christi und das Wort Gottes, Berlin 1937. Ich verweise besonders auf die Beiträge von Brunstäd, Ritter, Sommerlath und Stählin. Kirche, Staat und Mensch, Orthodoxe Studien. Hrsg. von der Forschungsabt. des Ökumen. Rates f. prakt. Christentum. Genf 1937 (besprochen in dem obengenannten Aufsatz „Die Verklärung der Welt”).