14
15/16,1017-1019
01-08-1909

Nr. 15/16 = Festnummer zum 500jährigen Jubiläum der Universität Leipzig

(beeld)

|1017|

 

Rudolph Sohm.

 

Wie es kam, daß ich Jurist wurde? Ich weiß es selber nicht. Mein Vater war Jurist. Meine beiden Brüder und ich sind auch Juristen geworden. Es war das Selbstverständliche. Ich erinnere mich, daß ich als Primaner in einem Schulaufsatz mit großer Begeisterung die Geschichtsforschung für meinen Lebensberuf erklärte. Ich bin dann aber doch Jurist geworden und habe es nicht bereut. Die Rechtswissenschaft ist die Wissenschaft „der göttlichen und der menschlichen Dinge”. Die Rechtswissenschaft weiß alles und der Jurist sollte auch eigentlich alles wissen! Die Rechtswissenschaft führt zugleich in das Land der Geschichte, in die Welt der Kirche, in das Kontor des Kaufmanns, in die Tiefe des Bergwerks, in die weiten Gefilde der Volkswirtschaft. Sie führt vor allem in das Herz des Volkslebens und zu den  tiefsten Kräften, die dort mächtig sind. So hat sie auch mich geführt und innerlich gefördert Sie ist unerschöpflich an

|1018|

Schätzen. Nur daß das Leben viel zu kurz ist, um auch nur einen flüchtigen Rundgang durch all den Reichtum zu vollenden.

Ich bin am 29. Oktober 1841 in Rostock (Mecklenburg) geboren. Mein Vater war dort Advokat (Rechtsanwalt), später Landesarchivar, d.h. Vorstand des Archivs und der Bibliothek der mecklenburgischen Ritter- und Landschaft. Die ständische Bibliothek war, außer in Mecklenburgica, insbesondere in Rechtswissenschaft und Geschichte vortrefflich versehen. Das ist mir dann für das juristische Studium sehr zustatten gekommen. In Rostock war ich auf dem Gymnasium, dann auch auf der Universität. Zwei Semester studierte ich auswärts: ein Semester in Berlin, ein weiteres in Heidelberg. Meine wissenschaftliche Ausbildung habe ich der Rostocker Juristen-Fakultät zu danken. Weder in Berlin, wo ich Bruns (in meinem dritten Semester), noch in Heidelberg, wo ich Vangerow (in meinem vierten Semester) hörte, habe ich annähernd die geistige Fülle, die Kraft der Darstellung gefunden, wie

|1019|

sie meine Rostocker Lehrer auszeichnete. Den größten Einflug haben Wetzell und Böhlau auf mich ausgeübt, Beide hervorragende Lehrer und zugleich bedeutende Persönlichkeiten, von ausgesprochen christlicher Überzeugung, auf dem Gebiet der Wissenschaft den höchsten Zielen hingegeben, edlen Sinnes, an den nichts Gemeines heranreichte. Wetzell führte mich in die Pandekten ein und lehrte mich das juristische Denken. Böhlau erweckte mein Interesse für das deutsche Recht. Auf Beider Rat ging ich, nachdem ich 1864 in Rostock zum Dr. jur. promoviert war, nach München, um dort auf der Bibliothek zu arbeiten und zu Paul Roth in Beziehung zu treten. Auch an Paul Roth gedenke ich voller Dankbarkeit. Ich hörte bei ihm deutsche Rechtsgeschichte und deutsches Privatrecht. Er wies mir die Wege zu dem fränkischen Urkundenmaterial. Er übte auf mich unauslöschlichen Einfluß durch die Lektüre seines Benefizialwesens. In München schrieb ich 1865 das Büchlein über den Prozeß der Lex Salica und meine Habilitationsschrift über die Lex Ribuaria. Unter den Donnern des Krieges habilitierte ich mich 1866 in Göttingen für deutsches Recht. Bei den Göttinger Professoren fand ich während meiner Privatdozentenzeit das freundlichste Entgegenkommen und genoß angeregtesten Verkehr in einem Kreise von gleichstrebenden jungen Leuten. Dann kam ich, wieder unter Krieges Ungewittern, 1870 als Ordinarius nach Freiburg i.Br. Von dort ward ich 1872 nach Straßburg i.E. und 1887 nach Leipzig berufen.